Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Römer 15,7)

Predigt zur Jahreslosung 2015

Neuenmarkt, 1.1.2015

 

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Römer 15,7)

 

Liebe Gemeinde,

 

Wen sollen wir annehmen?

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat!

Wer ist denn damit gemeint? Wen sollen wir denn annehmen?

 

Soll ich heute eine Predigt halten über Fremde, Flüchtlinge oder Asylbewerber und aufrufen, sie anzunehmen als Menschen, die in Not sind und uns brauchen?

Das könnte ich tun.

Aber das habe ich und haben wir im vergangenen Jahr schon oft genug getan in Wort und Tat.

Und viele in Neuenmarkt sind ja bereits den Asylbewerbern mit offenen Herzen begegnet und haben sie angenommen.

Auch wenn ich als Pfarrer oft am wenigsten höre, was wirklich geredet wird im Dorf, so denke ich doch, dass die Annahme der Asylbewerber bei uns in vielfältiger Weise geschieht.

 

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat!

Ich könnte auch eine Predigt halten über die Annahme der anderen Konfessionen.

Evangelisch, katholisch, freikirchlich…

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat…

Das war in den 80gern wirklich ein großes Thema:

Da waren die Evangelikalen, die haben die Charismatiker verteufelt, weil diese die Geistesgabe der Zungenrede praktizierten und sie widderten einen „Geist von unten“.

Die Charismatiker warfen wiederum den Evangelikalen einen reduzierten Glauben ohne die Geistesgaben vor.

Und die Katholiken waren damals eh außen vor…

Aber da hab ich das Gefühl, wir leben 30 Jahre später schon in einer ganz anderen Zeit.

Bei uns in Neuenmarkt z.B. finde ich es super, wie sich das Zusammenleben der Konfessionen entwickelt hat.

Zum Beispiel die Allianzgebetswoche, die jetzt wieder vor der Tür steht. Oder die Asylbewerberarbeit.

Alle ziehen an einem Strang: Evangelische, Freikirchler und die Katholischen sind genauso eingeladen. Der Streitpunkt Papst spielt doch gar keine Rolle mehr. Der trifft sich ja selber schon mit Pfingstlern und Pietisten.

Vieles ist heute zwischen den Konfessionen lockerer, offener, toleranter als früher. Das ist schön!

 

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat!

Ich könnte auch über Toleranz in unserer Gesellschaft sprechen:

Aber unsere Gesellschaft ist ja in den letzten Jahrzehnten schon viel toleranter geworden.

Nicht genug: Toleranz ist ja heute das Höchste in unserer Gesellschaft.

In der EU-Gesetzgebung, in den Medien, in der ganzen Gesellschaft.

Überall Toleranz, Toleranz, Toleranz…

In den 80gern noch gab’s immer zwei Gegenpole: Ost und West, Heavy-Metler (die mit den langen Haaren) und New Waver (die mit den gegelten Haaren), Popper und Punker.

Und die zwei Richtungen haben sich jeweils gegenseitig bekriegt.

Heute dagegen geht doch alles.

Das interessiert doch niemanden mehr, welche Musik du hörst. Oder mit welchen Klamotten du rumrennst.

Alles ist O.K…

Alles ist Conchita… äh… Wurst

Über allem steht das große vielbeschworene Wort Toleranz.

 

Die Eigenen annehmen, nicht die anderen!

Brauchen wir da überhaupt noch die Jahreslosung, wenn unsere ganze Gesellschaft so tolerant geworden ist?

Gibt’s die großen Kriege, Konflikte, Streitigkeiten in unserem Land, in unserer Kirche, in unserem Dorf überhaupt noch?

Am Anfang des Gottesdienstes hab ich gesagt:

Der Aufruf der Jahreslosung wird immer aktuell bleiben!

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat…

Stimmt das?

 

Ja, ganz bestimmt!

Denn die Anderen annehmen, Menschen aus anderen Ländern, mit anderen Religionen, sexuell anders Orientierte… das ist das eine.

Was ist aber mit den Eigenen?

Ich meine: Es ist ja immer irgendwie komfortabel, die anderen anzunehmen. Das ist fast so, wie wenn ich als einer, der keinen Alkohol trinkt, in der Fastenzeit auf Bier, Schnaps und Wein verzichte…

Aber die eigenen, die mir ganz nahe stehen - die anzunehmen, das ist doch die eigentliche Schwierigkeit!

In der eigenen Familie,

in der eigenen Verwandtschaft, wie wir Weihnachten vielleicht wieder erlebt haben…,

in der eigenen Gemeinde…

 

Den annehmen, der mich täglich nervt!

Die, die mir wöchentlich auf den Geist geht!

Den, der mir permanent im Weg steht!

Den anzunehmen - das ist doch die eigentliche Herausforderung!

 

Gerade das ist aber von uns gefordert.

Jesus sagt: Gerade den sollst du annehmen!

Er sagt: „Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?“ (Evangelium des Matthäus Kapitel 5, Verse 46-48)

 

Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen! (Evangelium des Lukas, Kapitel 6, Verse 27-28)

 

Wir sollen gerade die annehmen, mit denen wir uns so schwer tun!

 

Eine sehr hohe Forderung!

Und das ist eine sehr hohe Forderung.

Vielleicht sagen wir: Warum gerade die? Warum gerade den?

Es gibt so viele nette Menschen!

 

So ging‘s mir, als ich zur OJC auf Schloss Reichenberg kam.

Bei so einem Wetter wie heute mussten wir im Keller der oberen Burg Öltanks schrubben. Eine üble Arrrbeit.

Und am Morgen erfuhr ich auch noch, dass ich mit dem zu einem Team zusammengespannt wurde, um jeden Tag mit ihm zu arbeiten, mit dem ich mich so schwer tat.

Später verstand ich mich sehr gut mit ihm -aber anfangs habe ich gedacht: Warum immer ich?

 

Nehmt einander an…

Ja, das ist eine harte Forderung!

 

Christus hat uns die Vorlage geben

Aber der Satz geht Gott sei Dank weiter…

…wie Christus euch angenommen hat!

Das ist das Schöne!

Wir sind ja nicht die, die den ersten Schritt machen müssen.

Der erste Schritt ist ja schon getan.

Christus hat ihn getan.

Wir sind ja auch nicht gerade annehmens-würdig,

aber er hat alles gegeben für uns!

Am Kreuz ist er gestorben für uns!

Unglaublich, was für eine Vorlage Jesus uns gegeben hat!

Wer das erfahren hat, der darf, kann und soll darauf antworten.

 

Toleranz und Annahme durch Christus

Der muss das auch nicht mehr aus sich selbst raussaugen,

wie diese supertoleranten Typen, die für alles offen sind.

„Jeder Weg ist gut, alle sind O.K!“

Aber das ist so eine menschengemachte Toleranz.

 

Zwei Dinge möchte ich zu dieser menschengemachten Toleranz sagen:

1)Diese Toleranz hat dann eben doch irgendwo doch ihre Grenzen.

Irgendjemand fällt dann doch durch das Toleranz-Muster durch. V.a. die eine klare Meinung haben. Und meistens sind’s die Christen…

2)Und die Frage ist sowieso: Meint diese Toleranz eigentlich mich?

Ich hatte mal einen supertoleranten Kollegen.

Der hat mir nichts reingeredet. Alles war O.K.

Ich kann nichts gegen ihn sagen, im Gegenteil.

Aber immer wieder blitzte so ein Gedanke in mir durch:

„Ist das eigentlich Toleranz, wie der mit mir umgeht – oder Gleichgültigkeit? Bin ich ihm Wurst? Ist ihm das, was ich mache, eigentlich egal?

 

Liebe Gemeinde,

das ist was ganz anderes als das, was Jesus uns gibt.

Es ist eben nicht jeder Weg O.K., unser Leben ist nicht in Ordnung und es ist nicht alles gut, was Menschen an sich haben.

Und Christus leidet daran, denn wir sind ihm nicht gleichgültig!

Aber er nimmt uns trotzdem an, mit unseren Schwächen und Fehlern!

 

Wenn seine Annahme der Ursprung unserer Annahme ist, ist das was ganz anderes als diese menschengemachte Annahme.

 

Ich hab mal ein Gleichnis gelesen. Das Gleichnis von der Stimmgabel…

Wenn 100 Klaviere mit derselben Stimmgabel gestimmt werden, bedeutet das, dass alle diese Klaviere vollkommen aufeinander abgestimmt sind.

Sie erklingen in einer Harmonie, die nie erreichbar wäre, wenn die einzelnen Klavierspieler gegenseitig ihre Klaviere aufeinander abstimmen würden.

Weil sie sich einem höheren Standard untergeordnet haben, klingen sie vollkommen zusammen.

Genauso ist es mit uns Menschen. Wenn hundert Menschen sich zu einer Gruppe zusammenschließen und den Blick aufeinander und nach innen richten, können sie sich sehr nahe kommen. Aber sie können niemals dem Herzen des andern so nahe kommen, als wenn sie gemeinsam ihren Blick auf Christus richten, der für sie alle alles getan hat

(nach Christina Reftel)

 

Christus ist diese Stimmgabel.

Er nimmt dich an, wie du bist und deshalb kannst und darfst und sollst du auch die anderen annehmen.

Versuch’s gar nicht auf eigene Faust, mit den anderen in Harmonie zu leben. Schau auf Christus.

Wer auf ihn schaut, der kommt auch den andern näher.

 

Was es nicht heißt und was es heißt, andere anzunehmen

1)Das heißt nicht, dass es keinen Streit mehr geben darf unter Christen.

Streit ist sogar wichtig und gut, wenn es eine sachliche Auseinandersetzung ist.

Ohne Auseinandersetzung und Streit, da wäre was faul.

Da wäre was geheuchelt oder eben: Da wäre man sich gleichgültig.

 

2)Den andern anzunehmen, das heißt auch nicht, dass es vorkommen kann, dass Christen unterschiedliche, getrennte Wege gehen.

Zum Beispiel die Kommunität „Offensive junger Christen“ (OJC) und die evangelischen Marienschwestern in Darmstadt. Der Gründer der OJC Horst-Klaus Hoffmann hatte in den Aufbrüchen seiner Gemeinschaft in den Räumen der Marienschwestern Studenten-Seminare zum Thema: „Wie kann ich aus meinem Glauben heraus die Gesellschaft verändern…“ gehalten. Das ging eine Zeit lang gut. Aber irgendwann sagte die Leiterin der Schwesternschaft Mutter Basilea Schlink: „Ihr könnt eure Seminare nicht mehr in unseren Räumen halten. Denn wir wollen etwas anderes. Wir wollen die Schwestern aus der Welt herausziehen, ihr schickt eure Studenten in die Welt hinein…“ Also haben sie sich getrennt. Sie blieben aber freundschaftlich und im HERRN verbunden…

Wenn es einfach nicht zusammenpasst, dann ist das kein Beinbruch.

 

3)Den andern anzunehmen, das heißt auch nicht, dass man dann mit dem andern automatisch ein Herz und eine Seele ist.

Das ist so ein Anspruch. Man meint, das muss doch in einer christlichen Gemeinde so sein.

Genau, wie man immer lächeln muss.

Aber nein, überhaupt nicht!

Annahme des anderen ist zunächst etwas total Nüchternes.

Etwas, für das man sich entscheidet, was man sich vornimmt.

Ich will den anderen so sein lassen wie er ist. Ich will ihm zuhören, mich mit ihm arrangieren, und ihn so behandeln, wie ich selbst behandeln werden möchte.

Mehr nicht! Keine hehren Gefühle!

Aber das ist schon extrem viel…

 

Aber vielleicht wird dann sogar mehr draus.

Und man merkt plötzlich: Das sind ja die tiefsten und besten Beziehungen mit den Menschen, mit denen man es am Anfang gar nicht dachte.

Am Anfang waren da Leute, die haben einen begeistert. Mit anderen tat man sich schwer. Aber am Ende waren gerade letztere es, die einen getragen haben.

Eine tolle Erfahrung, wenn man das erleben darf!

 

…zum Lobe Gottes

Und super, wenn auch andere von außen sehen, wie man in der christlichen Gemeinde miteinander umgeht.

Wenn das geschieht, dann wird wahr, was im letzten Teil unserer Jahreslosung steht:

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob…

Da wird Gott verherrlicht! Nicht über den Beziehungen, die einen leicht fallen.

Nicht über den Sympathischen, Unkomplizierten.

Sondern über den Komplizierten, Andersarteigen!

Wo wir aber auf das Vorbild von Christus schauen und in seiner Annahme leben, da wird Gott verherrlicht.

Da fragen andere: Wie machen die Christen das?

Und werden auf Christus, auf den hingewiesen, der auch sie annimmt

AMEN

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN